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Pench: Auf Safari im echten Dschungelbuch

Es gibt nicht viele Schutzgebiete, deren Name Kindern auf der ganzen Welt vertraut ist, ohne dass sie es wissen. Das Pench-Tigerreservat in Zentralindien gehört dazu: In seinen Hügeln, Schluchten und Teakwäldern siedelte Rudyard Kipling die Geschichten um Mogli, Balu und Schir Khan an. Die Seeonee-Berge des Dschungelbuchs entsprechen dem heutigen Distrikt Seoni im Bundesstaat Madhya Pradesh, und der Fluss, an dem der Menschenjunge aufwuchs, fließt noch immer mitten durch das Reservat. Wer heute hierherkommt, findet keine Kulisse, sondern einen lebendigen Wald voller Tiger, Wölfe und Wildhunde – und eines der zugänglichsten Safariziele des Subkontinents.

Kiplings Dschungelbuch und die Hügel von Seoni

Als das Dschungelbuch 1894 erschien, verlegte Kipling seine Erzählungen ausdrücklich in die Seeonee-Hügel Zentralindiens. Das Erstaunliche daran: Der in Bombay geborene Autor hat diese Gegend nach allgemeiner Überzeugung nie selbst betreten. Er stützte sich stattdessen auf die Berichte britischer Naturforscher und Kolonialbeamter, die das zentralindische Hochland im neunzehnten Jahrhundert bereist und ausführlich beschrieben hatten – seine Schluchten, seine Wolfsrudel, seine im Sommer schrumpfenden Wasserstellen. Auch die Figur Moglis fiel nicht vom Himmel: In jener Zeit kursierten in Indien zahlreiche Berichte über Kinder, die angeblich von Wölfen aufgezogen worden waren, und diese Geschichten flossen unmittelbar in die Gestalt des Menschenjungen ein. Vor Ort pflegt man das Erbe mit sichtbarem Stolz. Ein Teil des Schutzgebiets auf der Seite von Madhya Pradesh trägt Moglis Namen, und an den Eingangstoren begegnet einem der Wolfsjunge von Seoni auf Schildern, Wandbildern und Souvenirs.

Ein Fluss, zwei Bundesstaaten

Seinen Namen verdankt das Reservat dem Pench, der das Schutzgebiet grob von Norden nach Süden durchschneidet und weiter flussabwärts den großen Stausee des Totladoh-Damms speist. Weniger bekannt ist, dass Pench auf einer Landesgrenze liegt: Der größere und berühmtere Teil gehört zu Madhya Pradesh und verteilt sich auf die Distrikte Seoni und Chhindwara, während Maharashtra im Süden einen eigenen Abschnitt mit eigenem Nationalpark, eigenen Pufferzonen und eigenen Toren verwaltet. Für Reisende bedeutet das zwei verschiedene Zugänge zum selben Ökosystem, mit unterschiedlichen Regeln, unterschiedlicher Infrastruktur und oft spürbar unterschiedlichem Besucheraufkommen. Ökologisch ist der Fluss das Rückgrat des gesamten Gebiets. In der Trockenzeit zieht er sich zu einer Kette von Tümpeln zusammen, an denen sich das Leben des Waldes konzentriert: Axishirsche in großen Herden, Languren in den Uferbäumen und, mit etwas Geduld, auch die großen Räuber. Zwischen März und Juni entscheidet sich fast jede Pirschfahrt am Wasser.

Der Wald: Teak, Mahua und freie Sicht

Pench schützt einen südlichen tropischen Trockenwald, in dem der Teakbaum den Ton angibt, begleitet von Arten wie dem Mahua-Baum, dessen fleischige Blüten von den Dorfgemeinschaften gesammelt und von Lippenbären wie Hirschen gleichermaßen begehrt werden. Verglichen mit den hohen, dichten Salwäldern mancher anderer indischer Reservate wirkt der Wald hier licht und offen, immer wieder unterbrochen von Grasflächen und ehemaligen Feldern, die längst zu Wiesen geworden sind. Für Besucher ist genau das der große Trumpf: Die Sichtachsen sind lang, das Licht fällt großzügig durch das Kronendach, und Tiere lassen sich oft minutenlang beobachten statt nur erahnen. Im Jahreslauf wechselt der Wald sein Gesicht vollständig. Nach dem Monsun steht er in sattem, tropfendem Grün; im Spätwinter werfen die Teakbäume ihre riesigen Blätter ab, die unter den Reifen rascheln wie Papier; und in der Hitze des Mai wird die Landschaft fahl und golden – ausgerechnet dann, wenn an den Wasserstellen am meisten los ist, ist die Sicht am besten.

Projekt Tiger und die Rückkehr der Großkatzen

Die Schutzgeschichte von Pench folgt dem klassischen indischen Muster: Der Kernbereich auf der Seite von Madhya Pradesh wurde 1975 zum Nationalpark erklärt, 1992 kam das Gebiet unter das Dach von Projekt Tiger, dem großen indischen Programm zur Rettung der Art. Seither haben sich die Bestände erfreulich entwickelt, und Pench zählt heute zu den verlässlicheren Adressen für Tigerbeobachtungen in Zentralindien. Weltberühmt wurde das Reservat durch eine Tigerin, die alle nur Collarwali nannten – die mit dem Halsband, weil sie als erste Tigerin des Reservats einen Sender trug. Im Lauf ihres langen Lebens zog sie über viele Würfe hinweg eine außergewöhnlich hohe Zahl von Jungen groß; als sie 2022 starb, trauerten Ranger, Guides und Besucher in ganz Indien. Schon zuvor hatten die Tiger von Pench ein Millionenpublikum erreicht: Die BBC drehte hier die Serie Tiger: Spy in the Jungle, kommentiert von David Attenborough, mit Kameras, die als Felsen und Baumstämme getarnt oder von trainierten Elefanten getragen wurden und eine Gruppe Jungtiere über Jahre begleiteten.

Wildhunde, Gaure und Lippenbären

So sehr der Tiger die Schlagzeilen beherrscht, so sehr lebt Pench von der Vollständigkeit seiner Tierwelt. Das Reservat gilt als eines der besseren Gebiete Indiens, um Dhole zu erleben – die rostroten asiatischen Wildhunde, die in eingespielten Rudeln jagen und sich mit pfeifenden Lauten verständigen. Leoparden halten sich vor allem an den felsigeren Rändern des Schutzgebiets, Lippenbären streifen auf der Suche nach Mahua-Blüten und Termiten durch den Wald. Dazu kommen Gaure, die mächtigen Wildrinder Asiens, sowie Sambarhirsche, Axishirsche, Nilgauantilopen und Wildschweine, die den Beutetierbestand sichern. Auch ornithologisch hat Pench Gewicht: Mehrere hundert Vogelarten wurden im Gebiet nachgewiesen. Der Stausee und der Fluss ziehen Störche, Kormorane und Eisvögel an, im Winter kommen Zugvögel aus dem Norden dazu, und das Eintreffen der prachtvoll gefärbten Bengalpitta kurz vor dem Monsun ist ein fester Termin im Kalender der Guides. Selbst eine Pirschfahrt ganz ohne Großkatze fühlt sich hier selten leer an – ein Satz, den man über viele Tigerreservate nicht guten Gewissens sagen kann. Wer mit offenen Augen fährt, kehrt fast immer mit einer langen Liste zurück, vom Schakal am Wegesrand bis zum Fischadler über dem Stausee.

Nachthimmel über der Pufferzone

Eine Auszeichnung der jüngeren Zeit passt auf den ersten Blick gar nicht zu einem Tigerreservat: Der Maharashtra-Teil von Pench wurde als erster Dark-Sky-Park Indiens anerkannt, weil die Pufferlandschaft nahezu frei von künstlichem Licht ist. Lodges und Forstverwaltung haben daraus ein eigenes Angebot gemacht – Sternbeobachtungen in den Pufferzonen, bei denen sich die Milchstraße über genau jene Teakbaum-Silhouetten spannt, hinter denen tagsüber Leoparden verschwinden. Für Safarireisende, die ihre Abende sonst früh beenden, ist eine Stunde unter diesem Himmel eine ungewohnte, stille Ergänzung zur Pirschfahrt und eine schöne Erinnerung daran, dass Wildnisschutz nicht an der Baumkrone endet.

Anreise, Tore und beste Reisezeit

Besucht werden kann Pench grob von Oktober bis Juni; während der Monsunmonate bleiben die Kernzonen geschlossen. Auf der Seite von Madhya Pradesh ist Turia das beliebteste Tor mit der größten Auswahl an Unterkünften, während Karmajhiri und Jamtara ruhigere Zugänge in denselben Wald eröffnen; auf der Maharashtra-Seite führt unter anderem das Tor von Sillari in den südlichen Abschnitt. Die Anreise ist für zentralindische Verhältnisse bemerkenswert unkompliziert: Die Millionenstadt Nagpur mit ihrem gut angebundenen Flughafen liegt nur rund zwei Autostunden von den wichtigsten Toren entfernt. Pirschfahrten finden in offenen Geländewagen statt, morgens und am späten Nachmittag, stets mit einem ortskundigen Pflichtguide an Bord. Wintermorgen können empfindlich kalt sein, warme Kleidung gehört also ins Gepäck; ab April steigt die Hitze deutlich, doch mit ihr auch die Chance auf Sichtungen am Wasser. Da die Permits kontingentiert sind und rund um Feiertage schnell vergriffen sein können, empfiehlt sich eine frühzeitige Buchung.

Auf der Karte

Pench ist nur ein Punkt in einem dichten Netz zentralindischer Schutzgebiete: Kanha, Tadoba und Satpura liegen nah genug, um sich zu einer längeren Route durch Kiplings Indien verbinden zu lassen. Wo genau das Reservat an der Grenze zwischen Madhya Pradesh und Maharashtra liegt, wie sich die Tore zu Nagpur verhalten und welche Parks sich für eine gemeinsame Reise anbieten, zeigt die interaktive Karte – der beste Ausgangspunkt, um die eigene Route durch die Landschaften des Dschungelbuchs zu planen.