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Aberdare-Nationalpark: Kenias Nebelwald in der Tiefe erkundet

Mitten in der Nacht schrillt ein Summer durch die Lodge: drei Töne, das vereinbarte Signal für Nashorn an der Wasserstelle. Wer im Aberdare-Nationalpark übernachtet, tut das oft in einer Baumlodge hoch über einer beleuchteten Lichtung, und die Tierbeobachtung endet hier nicht mit dem Sonnenuntergang. Der 1950 gegründete Park schützt einen langen Abschnitt der Aberdare-Kette im zentralen Hochland Kenias, zwischen etwa 2.000 und 4.000 Metern Höhe. Statt goldener Savanne erwarten Besucher Bergregenwald, Bambusdickichte, eisige Forellenbäche und ein Hochmoor, das eher an Schottland erinnert als an Ostafrika.

Nyandarua: das Gebirge mit zwei Namen

Seinen englischen Namen erhielt das Gebirge 1884 vom schottischen Forschungsreisenden Joseph Thomson, der die Bergkette nach Lord Aberdare benannte, dem damaligen Präsidenten der Royal Geographical Society. Die Kikuyu, die seit Generationen die fruchtbaren Osthänge bewirtschaften, nannten die Berge schon lange vorher Nyandarua, was häufig mit einer zum Trocknen aufgespannten Tierhaut übersetzt wird, ein Bild für die gefaltete Silhouette der Kette. Beide Namen sind bis heute gebräuchlich, der umliegende Landkreis trägt offiziell den Namen Nyandarua. Geographisch verläuft die Kette grob von Norden nach Süden und bildet einen Teil der Ostflanke des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. An klaren Morgen ist über das Laikipia-Plateau hinweg der Mount Kenya zu sehen. Der höchste Gipfel, Ol Donyo Lesatima, erreicht rund 4.000 Meter, hoch genug für Nachtfrost, obwohl der Äquator in unmittelbarer Nähe verläuft.

Kenias Wasserturm: Fälle, Schluchten und Forellenbäche

Wasser prägt die Aberdares wie kaum ein anderes Element. Die Kette zählt zu den fünf großen Wassertürmen Kenias, und ein erheblicher Teil des Trinkwassers von Nairobi beginnt als Regen über diesen Mooren. Die Flüsse des Parks stürzen in spektakulären Kaskaden vom Hochplateau. Die Karuru-Fälle fallen in drei Stufen in eine bewaldete Schlucht und gehören zu den höchsten Wasserfällen Kenias; auf der gegenüberliegenden Talseite donnern die Gura-Fälle in die Tiefe. Weiter nördlich sind die Chania-Fälle leichter zu erreichen und ein beliebter Rastplatz. In der Kolonialzeit wurden die kalten Bäche mit Regenbogen- und Bachforellen besetzt, und in ausgewiesenen Abschnitten darf bis heute mit der Fliege gefischt werden, ein seltsam britisches Vergnügen, während am anderen Ufer Büffel grasen.

Vom Bambusgürtel ins afroalpine Hochmoor

Kaum ein afrikanischer Park drängt so viele Landschaften auf so wenig Fläche zusammen. Die unteren Hänge tragen dichten Bergregenwald mit Kampferbäumen, Zedern und riesigen Feigenbäumen, in deren Kronen Guerezas turnen, schwarz-weiße Stummelaffen mit wallendem Fell. Weiter oben folgt ein fast surrealer Bambusgürtel, stellenweise so dicht, dass Elefanten regelrechte Tunnel hindurchgetreten haben. Darüber liegen Hagenia-Wälder und Baumheide, und schließlich öffnet sich das Hochmoor: eine afroalpine Welt aus Horstgräsern, Riesenlobelien und baumhohen Kreuzkräutern, über die Nebelschwaden ziehen. Nachts kann das Thermometer hier unter den Gefrierpunkt fallen, Hagelschauer sind keine Seltenheit. Jede Höhenstufe beherbergt ihre eigene Tierwelt: Im Wald leben Elefanten, Büffel, Buschböcke und das Riesenwaldschwein, das größte Wildschwein der Erde, während auf dem Moor Löffelhunde ähnelnde Schakale und Bergducker unterwegs sind. Berühmt sind die Aberdares zudem für melanistische, also schwarz gefärbte Tiere; dunkle Servale und Leoparden wurden hier immer wieder dokumentiert. Ein einziger Tag in diesem Park kann sich deshalb anfühlen wie eine Reise durch mehrere Länder.

Die Bongo-Antilope: das gestreifte Phantom

Wenn dieser Park ein Wappentier hat, dann die Bergbongo, die größte Waldantilope Afrikas. Mit ihrem kastanienroten Fell, den leuchtend weißen Querstreifen und den geschwungenen Schraubenhörnern, die beide Geschlechter tragen, wirkt sie beinahe zu prachtvoll, um echt zu sein. Die Bergform überlebt in freier Wildbahn nur noch in wenigen kenianischen Hochlandwäldern, und die Aberdares gelten als ihre wichtigste Zuflucht. Jagd, Krankheiten und Lebensraumverlust haben die wilden Bestände auf ein kritisch niedriges Niveau gedrückt; die Art wird als vom Aussterben bedroht geführt. Eine Sichtung ist reine Glückssache, denn Bongos sind scheu, überwiegend nachtaktiv und halten sich im dichtesten Unterholz auf. Ein langfristiges Zucht- und Auswilderungsprogramm mit Zentrum am Mount Kenya Wildlife Conservancy bei Nanyuki soll die Hochlandwälder wieder mit Bongos besiedeln. Für Besucher genügt oft schon das Wissen, dass das gestreifte Phantom irgendwo hinter der nächsten Bambuswand stehen könnte, um jede Pirschfahrt elektrisierend zu machen.

Treetops und The Ark: Nächte über der Wasserstelle

Die Aberdares haben eine der romantischsten Ideen des Safari-Reisens hervorgebracht: die Baumlodge. Treetops eröffnete 1932 als bescheidene Plattform in einem riesigen Feigenbaum über einer Wasserstelle im sogenannten Salient, jenem tiefer gelegenen Waldkeil, der sich zur Stadt Nyeri hin erstreckt. Weltgeschichte schrieb das Haus im Februar 1952, als Prinzessin Elizabeth dort übernachtete, während in England ihr Vater König Georg VI. starb; sie stieg als Prinzessin auf den Baum und kam als Königin Elizabeth II. wieder herunter, so erzählt man es bis heute. Das Original brannte 1954 während des Mau-Mau-Aufstands nieder und wurde später größer wieder aufgebaut. Die Schwesterlodge The Ark liegt tiefer im Wald und ist, wie der Name verrät, einer hölzernen Arche nachempfunden, mit Decks und Aussichtssalons über einer beleuchteten Wasserstelle samt Salzlecke. Ein Summersystem weckt die Gäste, wenn Elefanten, Nashörner oder in ganz seltenen Nächten eine Bongo unten erscheinen. Tierbeobachtung im Bademantel um zwei Uhr morgens: Das gibt es so nur hier.

Geschichte im Nebel: Mau-Mau-Kämpfer und der große Zaun

Diese Wälder sind tief mit der kenianischen Nationalgeschichte verwoben. In den 1950er-Jahren boten Bambusdickicht und Nebelwald den Mau-Mau-Kämpfern Schutz in ihrem Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft. Feldmarschall Dedan Kimathi, die berühmteste Führungsfigur der Bewegung, operierte von diesen Bergen aus, bis er 1956 gefasst wurde. Versteckte Höhlen und Waldlager aus jener Zeit existieren noch, und für viele Kenianer ist das Gebirge geweihter Boden des Unabhängigkeitskampfes. Die Gegenwart brachte einen anderen Konflikt: den zwischen Wildtieren und dem dicht besiedelten Farmland rund um den Park. Die Antwort war eines der kühnsten Naturschutzprojekte Afrikas, ein Elektrozaun um das gesamte Ökosystem, errichtet von der Stiftung Rhino Ark gemeinsam mit dem Kenya Wildlife Service. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Bauzeit wurde er 2009 vollendet und umschließt den Bergwald auf einer Länge von rund 400 Kilometern. Er schützt Bauern vor Ernteschäden durch Elefanten und den Wald vor Abholzung, Wilderei und Köhlerei.

Gut zu wissen: Anreise, Wetter, Ausrüstung

Die Aberdares belohnen ein wenig Vorbereitung. Der Park liegt etwa drei Fahrstunden nördlich von Nairobi; die wichtigsten Zufahrten befinden sich auf der Ostseite bei Nyeri und Mweiga, ein westlicher Zugang führt von der Naivasha-Seite herauf. Ein echter Geländewagen ist Pflicht, denn die Pisten des Hochmoors verwandeln sich nach Regen in schwarzen Schmierseifenboden, und Regen ist nie weit entfernt. Als verlässlichste Monate gelten Juni bis September sowie Januar und Februar, während die große Regenzeit von März bis Mai viele Strecken unpassierbar macht. Warme Kleidung gehört unbedingt ins Gepäck: Morgende auf dem Moor können bitterkalt sein, ganz gleich, was die Äquatornähe verspricht. Wer eine Nacht in einer Baumlodge im Salient mit einer Tagesfahrt über das Hochplateau kombiniert, erlebt praktisch zwei völlig verschiedene Parks. Und ein Fernglas ist hier wichtiger als in jeder Savanne, denn die Tiere zeigen sich oft nur für Sekunden zwischen den Vegetationswänden. Gut kombinieren lässt sich der Park außerdem mit dem nahen Mount Kenya oder den Schutzgebieten von Laikipia, sodass sich der Umweg ins Hochland auch auf einer klassischen Kenia-Rundreise problemlos einbauen lässt.

Auf der Karte

Die Aberdares erschließen sich am besten, wenn man sieht, wie die Kette zwischen dem Rift Valley und dem Mount Kenya liegt und wie der bewaldete Salient die Wildtiere hinunter Richtung Nyeri leitet. Öffnen Sie unsere interaktive Karte, um die Parkgrenzen nachzuvollziehen, Baumlodges, Wasserfälle und Gates zu verorten und zu planen, wie ein Abstecher ins Hochland in eine größere Kenia-Route passt. Ein paar Minuten Kartenstudium zeigen schnell, warum diese neblige Bergwelt mehr verdient als einen hastigen Zwischenstopp.