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Hwange-Nationalpark: Simbabwes Elefantenreich am Rand der Kalahari

Wer mit dem Zug von Bulawayo in Richtung Victoriafälle fährt, streift auf halber Strecke den Rand einer der großartigsten Wildnisse des südlichen Afrikas. Hinter dem Bahndamm beginnt der Hwange-Nationalpark, mit rund 14.600 Quadratkilometern das größte Schutzgebiet Simbabwes – eine Landschaft aus Teakwäldern, Grasebenen und hellem Kalahari-Sand, die sich bis an die Grenze zu Botswana erstreckt. Das Erstaunliche daran: Durch das Herz dieses Parks fließt kein einziger permanenter Fluss. Und doch versammeln sich hier in der Trockenzeit Elefanten in einer Dichte, die weltweit kaum ihresgleichen hat, während in den Wäldern eines der wichtigsten verbliebenen Rudelgebiete der Afrikanischen Wildhunde liegt.

Vom Jagdrevier zum Nationalpark

Die Geschichte des Parks beginnt Ende der 1920er Jahre, als das Gebiet als Wildreservat ausgewiesen wurde; den Status eines Nationalparks erhielt es 1961. Benannt ist es nach einem lokalen Chief namens Hwange, in der Kolonialzeit war es unter dem Namen Wankie bekannt. Das Land galt damals als weitgehend wertlos: zu sandig für Ackerbau, zu trocken für Viehzucht, gezeichnet von Wildtierkrankheiten. Genau diese vermeintliche Nutzlosigkeit wurde zum Glücksfall des Naturschutzes, denn so blieb eine zusammenhängende Wildnis von gewaltigem Ausmaß erhalten. Der erste Wildhüter des Reservats, Ted Davison, prägte den Park über Jahrzehnte und erkannte früh dessen zentrales Problem: Ohne Wasser in der Trockenzeit würden die Tiere abwandern oder verdursten. Seine Antwort auf diese Frage bestimmt den Charakter von Hwange bis heute und macht den Park zu einem der lehrreichsten Beispiele dafür, wie eng Wildnis und menschliche Fürsorge miteinander verflochten sein können.

Wasser aus der Tiefe

Hwange liegt auf mächtigen Sandschichten am Nordostrand des Kalahari-Beckens. Regen versickert hier schnell, statt sich in Flüssen zu sammeln, und die natürlichen Pfannen – flache Senken, die sich in der Regenzeit füllen – trocknen im Winter nach und nach aus. Die Lösung waren Bohrlöcher: Seit Davisons Zeiten wird Grundwasser an Dutzenden Stellen an die Oberfläche gepumpt und in künstliche Wasserlöcher geleitet. Früher übernahmen das dieselbetriebene Pumpen und Windräder, heute arbeiten viele Anlagen mit Solarenergie, betreut von der Parkverwaltung und privaten Naturschutzorganisationen. Für Besucher bedeutet das eine besondere Art der Safari: Man fährt nicht dem Wild hinterher, sondern wählt ein Wasserloch, stellt den Motor ab und lässt die Tiere kommen. In den heißen Monaten September und Oktober kann eine einzige Pfanne im Lauf eines Nachmittags Elefanten, Giraffen, Zebras, Kudus und Löwen anziehen. Zugleich ist das System eine dauerhafte Verpflichtung – fallen die Pumpen aus, gerät das gesamte Gefüge ins Wanken.

Das Reich der Elefanten

Kein Tier prägt Hwange so sehr wie der Elefant. Der Park beherbergt eine der größten Elefantenpopulationen Afrikas; in der Trockenzeit gehen die Zahlen in die Zehntausende, wenn Herden aus dem Grenzgebiet zu Botswana zu den Wasserstellen ziehen. Hwange ist Teil des grenzübergreifenden Kavango-Zambezi-Schutzgebietsverbunds, in dem Elefanten über riesige Distanzen wandern können. Das Schauspiel an den Pfannen ist überwältigend: Eine Herde nach der anderen tritt aus dem Wald, die Leitkuh voran, die Kälber dicht zwischen den Beinen der Erwachsenen, und auf den letzten Metern zum Wasser fallen die Tiere oft in einen ungeduldigen Trab. An der Nyamandhlovu-Pfanne nahe Main Camp lässt sich das Ganze von einer erhöhten Plattform aus stundenlang verfolgen. Die schiere Menge der Elefanten wirft freilich auch schwierige Fragen auf – nach dem Druck auf die Vegetation, nach der künstlichen Wasserversorgung und nach dem Zusammenleben mit den Gemeinden am Parkrand. Hwange ist damit auch ein Brennpunkt der Debatten um das Elefantenmanagement im südlichen Afrika.

Die bemalten Wölfe

Sind die Elefanten Hwanges Überfluss, so sind die Afrikanischen Wildhunde sein kostbarster Schatz. Die Art, wegen ihres gescheckten Fells in Braun, Schwarz und Weiß zunehmend auch als bemalter Wolf bezeichnet, zählt zu den am stärksten bedrohten großen Beutegreifern des Kontinents; nur noch wenige Tausend Tiere leben in freier Wildbahn. Hwange und die umliegenden Wälder gehören zu ihren wichtigsten verbliebenen Rückzugsgebieten. Die Rudel jagen Impalas und Kudus durch das Teakholz, legen dabei täglich enorme Strecken zurück und kooperieren mit einer Präzision, die ihresgleichen sucht. Nahe der Ortschaft Dete am Parkrand arbeitet seit vielen Jahren die Organisation Painted Dog Conservation: Ihre Programme reichen von Anti-Wilderei-Patrouillen über eine Auffangstation für verletzte Tiere bis zur Umweltbildung an örtlichen Schulen, denn Drahtschlingen und der Straßen- und Bahnverkehr fordern immer wieder Opfer. Eine Sichtung ist nie garantiert – Wildhunde sind rastlose Nomaden –, doch wer ein Rudel bei der Begrüßungszeremonie und beim Aufbruch zur Jagd erlebt, vergisst diesen Moment nicht mehr.

Löwen, Leoparden und der Fall Cecil

Weltberühmt wurden Hwanges Löwen im Jahr 2015, als ein großer, schwarzmähniger Kater namens Cecil außerhalb der Parkgrenze von einem Trophäenjäger getötet wurde. Cecil trug ein Senderhalsband der Wildtierforschungseinheit der Universität Oxford, die die Löwen des Parks seit Langem untersucht, und sein Tod löste eine weltweite Debatte über die Trophäenjagd aus, die bis heute nachhallt. Jenseits der Schlagzeilen hat die Forschung viel darüber gelehrt, wie Löwen diese von Wasserlöchern geprägte Landschaft nutzen: Die Rudel orientieren sich an verlässlichen Pfannen, die Männchen patrouillieren gewaltige Reviere, und die Parkgrenze bleibt der gefährlichste Ort im Leben eines Hwange-Löwen. Für Besucher sind Löwenbegegnungen in den klassischen Pirschgebieten gut möglich, und das nächtliche Brüllen über den Ebenen gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen einer Safari. Daneben leben Leoparden im felsigeren Norden, Geparden auf den offenen Grasflächen und sowohl Tüpfel- als auch die seltenen Schabrackenhyänen im Park – Letztere ein typischer Bewohner des Kalahari-Randes.

Zwischen Teakwald und Kalahari-Sand

Rund hundert Säugetierarten sind in Hwange nachgewiesen, und wer den Blick von den berühmten Namen löst, wird reich belohnt. Der Park gilt als eines der besten Gebiete Simbabwes für Rappen- und Pferdeantilopen, zwei ebenso prächtige wie scheue Bewohner der Waldsavanne. Große Büffelherden, Giraffen, Zebras, Streifengnus, Elenantilopen und unzählige Impalas ziehen zwischen den Wasserstellen umher; nach Einbruch der Dunkelheit sind Honigdachse, Löffelhunde und Stachelschweine unterwegs. Auch ornithologisch hat der Park Gewicht: Etwa vierhundert Vogelarten wurden gezählt, vom Bradfield-Toko in den Wäldern bis zu Störchen, Reihern und Greifvögeln an den gefluteten Pfannen der Regenzeit. Die Landschaft selbst wechselt dabei ständig ihr Gesicht – dichte Bestände aus Sambesi-Teak und Mopane im Norden und Osten, offene Grasebenen und Palmeninseln auf den Sandflächen im Süden. Diese Vielfalt der Lebensräume ist der eigentliche Grund für den Artenreichtum des Parks.

Reisezeit, Camps und Anreise

Hwange ist ein Park der zwei Jahreszeiten. Von etwa Mai bis Oktober herrscht Trockenzeit: Das Gras fällt in sich zusammen, die Morgenstunden im Juni und Juli können empfindlich kalt sein, und das Wild drängt sich an den gepumpten Wasserlöchern – September und Oktober gelten als die klassischen Monate für Tierbeobachtungen. Mit dem Regen, der meist im November einsetzt und bis in den März oder April reicht, verwandelt sich der Park in ein grünes Blütenmeer; die Tiere verteilen sich weiter, dafür locken Jungtiere, Zugvögel und dramatische Wolkenhimmel bei deutlich weniger Fahrzeugen. Erschlossen wird der Park traditionell über drei Regionen: Main Camp im Nordosten an der Straße von Bulawayo zu den Victoriafällen, das erhöht gelegene Sinamatella und Robins Camp im Nordwesten. Im Süden ergänzen private Konzessionen mit Safaricamps das Angebot, oft mit geführten Pirschfahrten, Buschwanderungen und Verstecken direkt am Wasser. Von den Victoriafällen aus ist der Park in wenigen Fahrstunden erreichbar – für ein Wildnisgebiet dieser Größe ist Hwange erstaunlich zugänglich.

Auf der Karte

Wie gewaltig Hwange wirklich ist und wie sich der Park zwischen den Victoriafällen, der Grenze zu Botswana und den Sandflächen der Kalahari aufspannt, erschließt sich am besten mit einem Blick auf die interaktive Karte. Dort lässt sich nachvollziehen, wo die klassischen Zufahrten verlaufen, wie die drei Parkregionen zueinander liegen und welche weiteren Schutzgebiete der Sambesi-Region sich mit einem Hwange-Besuch verbinden lassen. Wer seine Route entlang des Wassers plant, plant sie automatisch entlang der Tiere – und genau darin liegt das Geheimnis dieses außergewöhnlichen Parks.